Pied Pipers in Red and Brown
KAPITEL 1 – Januar 1932
Der Morgen lag noch dunkel über Augsburg, obwohl es schon
nach sechs war.
Morning still lay dark over Augsburg, even though it was already past six.
In den schmalen Straßen stand die Kälte wie ein harter Film
auf allem, was still lag.
In the narrow streets, the cold lay like a hard film over everything that
was still.
Kein frischer Schnee, nur vereiste Stellen auf dem Pflaster,
graue Reste an den Bordsteinen.
No fresh snow, only icy patches on the pavement, gray remnants along the
curbs.
In den Rinnen knackte dünnes Eis unter den Schritten der
wenigen Frühaufsteher.
In the gutters, thin ice crackled under the steps of the few early risers.
Wilhelm ging vom Haus weg, den Mantel hochgeschlossen, die
Hände tief in den Taschen.
Wilhelm walked away from the house, his coat buttoned up high, his hands
deep in his pockets.
Er setzte die Füße vorsichtig, mehr gezwungen als überlegt.
He placed his feet carefully, more out of necessity than by deliberation.
An der nächsten Ecke blieb er stehen, als ein Fuhrwerk
querte.
At the next corner he stopped as a wagon crossed.
Das Pferd setzte die Hufe langsam, der Kutscher hielt die
Zügel kurz.
The horse placed its hooves slowly, the driver kept the reins short.
„Wenn das so weiterfriert, kommt man gar nicht mehr voran“,
murmelte der Mann und sah auf die Straße.
“If it keeps freezing like this, you won’t get anywhere at all,” the man
muttered and looked at the street.
Wilhelm nickte.
Wilhelm nodded.
„Man rutscht schneller, als man denkt.“
“You slip faster than you think.”
Der Kutscher verzog kurz den Mund, dann rumpelte der Wagen
weiter.
The driver briefly twisted his mouth, then the wagon rumbled on.
Die Straße war wieder leer.
The street was empty again.
Aus der Ferne näherte sich eine Straßenbahn.
From the distance, a streetcar approached.
Erst das dumpfe Rollen, dann das Quietschen in der Kurve.
First the dull rolling, then the squealing in the curve.
An der Haltestelle klingelte sie einmal.
At the stop, it rang its bell once.
Wilhelm blieb stehen und sah hinüber.
Wilhelm stopped and looked over.
In den Fenstern standen nur wenige Fahrgäste.
Only a few passengers stood in the windows.
Zwei Männer dicht beieinander, eine Frau allein auf der
bench.
Two men close together, one woman alone on the bench.
Neben ihm blieb ein jüngerer Mann stehen, zog den Mantel
enger.
A younger man stopped next to him and pulled his coat tighter.
„Früher war der Wagen um die Zeit voll“, sagte er und sah der
Bahn nach.
“It used to be full at this hour,” he said, watching the streetcar.
„Früher war vieles voller“, antwortete Wilhelm.
“A lot of things used to be fuller,” Wilhelm replied.
Der Mann hob die Schultern.
The man shrugged.
„Vielleicht ändert sich das wieder.“
“Maybe that will change again.”
Er wartete keine Antwort ab und ging weiter.
He did not wait for an answer and went on.
Wilhelm bog in Richtung Maximilianstraße ein.
Wilhelm turned toward Maximilianstraße.
Die Stadt wirkte gedämpft.
The city seemed muted.
Einzelne Gestalten gingen zügig, ohne sich zu berühren.
Individual figures walked briskly, without touching each other.
Ein Mann hob kurz den Blick, senkte ihn wieder.
A man briefly raised his gaze, then lowered it again.
Kein Gruß, kein Ausweichen, nur der Versuch, den Weg ohne
Umstände hinter sich zu bringen.
No greeting, no stepping aside, only the attempt to get the way over with
without complications.
Vor einem Geschäft stand die Rollade halb unten.
In front of a shop, the shutter was halfway down.
Ein Zettel hing schief im Schaufenster.
A note hung crookedly in the display window.
Wilhelm trat näher und beugte sich vor.
Wilhelm stepped closer and leaned forward.
„Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen“, las er.
“Closed due to business closure,” he read.
Darunter: „Ausverkauf nur noch diese Woche.“
Below it: “Clearance sale only this week.”
Hinter dem Glas waren die Regale leer.
Behind the glass, the shelves were empty.
Keine Unordnung, keine Reste.
No disorder, no remnants.
Nur Platz, sauber freigeräumt.
Only space, neatly cleared.
Zwei Türen weiter war ein Laden noch offen.
Two doors down, a shop was still open.
Ein paar Dosen, ein paar Flaschen, ordentlich ausgerichtet.
A few cans, a few bottles, neatly arranged.
Wilhelm ging vorbei.
Wilhelm walked past.
Früher hatte man hier etwas eingesteckt, ohne lange zu
überlegen.
In the past, one would have picked something up here without much thought.
Jetzt blieb der Blick kurz hängen, dann ging man weiter.
Now the gaze lingered briefly, then one moved on.
Als er die Ecke zur Werkstatt erreichte, hallten seine
Schritte zwischen den Häusern.
When he reached the corner to the workshop, his steps echoed between the
houses.
Kein Lachen, keine Stimmen.
No laughter, no voices.
Ein Fenster klapperte kurz, dann schloss es wieder.
A window rattled briefly, then closed again.
Aus einem Hof zog der Geruch kalter Asche herüber.
From a courtyard drifted the smell of cold ash.
Vor der Werkstatt stand Karl-Heinz, den Kragen hochgeschlagen.
Karl-Heinz stood in front of the workshop, his collar turned up.
Er verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
He shifted his weight from one foot to the other.
„Ganz schön glatt heute“, sagte er.
“Pretty slick today,” he said.
„Ja“, antwortete Wilhelm.
“Yes,” Wilhelm replied.
„Man kommt langsamer voran.“
“You make slower progress.”
„Passt zur Lage“, meinte Karl-Heinz und rieb sich die Hände.
“Fits the situation,” Karl-Heinz remarked and rubbed his hands.
Wilhelm schloss auf.
Wilhelm unlocked the door.
Drinnen war es kalt.
Inside it was cold.
Der Geruch von Holzstaub und altem Leim lag in der Luft.
The smell of wood dust and old glue hung in the air.
Er stellte die Lampe an.
He switched on the lamp.
Das Licht fiel auf die Werkbank, auf Werkzeuge, auf ein halb
zerlegtes Möbelstück.
The light fell on the workbench, on tools, on a half-disassembled piece of
furniture.
Karl-Heinz trat näher.
Karl-Heinz stepped closer.
„Schon wieder nur Reparatur.“
“Once again, just repairs.”
Er klopfte mit dem Finger an eine lose Leiste.
He tapped a loose strip with his finger.
„Nichts Neues.“
“Nothing new.”
„Im Moment ist das genug“, sagte Wilhelm.
“For the moment, that’s enough,” Wilhelm said.
„Neu kauft keiner.“
“No one is buying new.”
„Hauptsache, sie bringen überhaupt noch etwas.“
“The main thing is that they bring something at all.”
Karl-Heinz zog die Mütze ab und hängte sie an den Haken.
Karl-Heinz took off his cap and hung it on the hook.
„Bei Huber hängt auch so ein Zettel.“
“There’s a sign like that at Huber’s as well.”
„Schuhmacher.“
“Shoemaker.”
„Macht zu.“
“Closing.”
Wilhelm nickte.
Wilhelm nodded.
„Er hat lange durchgehalten.“
“He held on for a long time.”
„Und nächste Woche ist es vielleicht der Nächste“, sagte
Karl-Heinz.
“And next week it might be the next one,” Karl-Heinz said.
Er zögerte einen Moment.
He hesitated for a moment.
„Im Radio reden sie dauernd von Neuwahlen.“
“On the radio they keep talking about new elections.”
„Als ob das irgendwas ändert.“
“As if that changes anything.”
„Die reden viel“, sagte Wilhelm und wischte mit dem Ärmel
Staub von der Werkbank.
“They talk a lot,” Wilhelm said and wiped dust from the workbench with his
sleeve.
„Aber Arbeit macht das keine.“
“But it doesn’t create any work.”
Karl-Heinz griff nach dem Hobel, drehte ihn kurz in der Hand.
Karl-Heinz reached for the plane and briefly turned it in his hand.
„Die einen schreien nach Ordnung, die anderen nach
Revolution.“
“Some shout for order, others for revolution.”
„Und wir stehen dazwischen.“
“And we stand in between.”
Wilhelm sah ihn an.
Wilhelm looked at him.
„Wir stehen hier.“
“We stand here.”
Er deutete auf die Werkbank.
He pointed to the workbench.
„Und wir machen unsere Arbeit.“
“And we do our work.”
Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei.
Outside, a streetcar passed by.
Das Geräusch war kurz, dann wieder weg.
The sound was brief, then gone again.
Wilhelm wischte den Beschlag vom Fenster.
Wilhelm wiped the condensation from the window.
Auf der Straße ging ein Mann mit einem Korb hastig vorüber.
On the street, a man hurried past with a basket.
Zwei Frauen sprachen leise miteinander.
Two women spoke quietly to each other.
Als ein Dritter näherkam, verstummten sie.
When a third person came closer, they fell silent.
„Fangen wir an“, sagte Wilhelm.
“Let’s start,” Wilhelm said.
Karl-Heinz nickte, schob das Möbelstück heran und stellte es
fest.
Karl-Heinz nodded, pulled the piece of furniture closer, and fixed it in
place.
Wilhelm griff nach dem Werkzeug.
Wilhelm reached for the tools.
Die ersten Handgriffe saßen, wie sie es gewohnt waren.
The first movements were sure, as they were used to.
Zusammenfassung
An einem kalten Januarmorgen 1932 wirkt Augsburg still und
angespannt.
On a cold January morning in 1932, Augsburg appears quiet and tense.
Vereiste Straßen, wenige Passanten und eine fast leere
Straßenbahn prägen das Stadtbild.
Icy streets, few passersby, and an almost empty streetcar shape the
cityscape.
In mehreren Schaufenstern hängen Aushänge mit „wegen
Geschäftsaufgabe“.
In several shop windows, notices reading “closed due to business closure”
are posted.
Wilhelm erreicht die Werkstatt und spricht mit Karl-Heinz
über weitere Schließungen, Reparaturarbeit und politische Spannungen vor neuen
Wahlen.
Wilhelm reaches the workshop and speaks with Karl-Heinz about further
closures, repair work, and political tensions ahead of new elections.
Ohne große Worte beginnen sie ihre Arbeit.
Without many words, they begin their work.